Habt Ihr schon einmal den Psalm 22 gelesen? Überschrieben ist er in meiner Lutherbibel mit der Überschrift „Leiden und Herrlichkeit des Gerechten“. Schon, wenn Ihr den ersten Vers lest, erkennt ihr, was dieser Psalm mit dem Tod Jesu am Kreuz zu tun hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Ps.22,2). Der Psalmbeter beschreibt damit sehr deutlich, was man fühlt, wenn man dein Eindruck hat, von Gott verlassen zu sein, wenn man zu Gott schreit, aber die Hilfe fern ist.  Wenn ihr weiterlest, werdet Ihr feststellen, dass dieser Mensch verzweifelt ist. Er stellt nicht infrage, dass Gott existiert, im Gegenteil, er stellt fest, dass Gott schon immer sein Volk unterstützt hat (Ps.22,5+6), ihn selber aber, lässt er in der Not alleine: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke“ (Ps.22,7). Die Leute spotten über ihn, er solle sein Leid doch Gott klagen, damit dieser ihn errette (Ps.22,8). Auch Jesus wurde verspottet: Er sei doch der Auserwählte Gottes, so solle er sich doch selber helfen (Lk. 23,35). Die Parallelen zu Psalm 22 sind weiter auffallend: „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand“ (Ps.22,19).

Ja, ich glaube ziemlich sicher, dass Jesus diesen Psalm am Kreuz gebetet hat, trifft er doch so genau sein eigenes Gefühl: „Warum lässt Gott das zu? Warum lässt er mich so alleine?“

Aber der Psalmbeter weiß auch von der anderen Seite, der Psalm wird deutlich hoffnungsvoller. So spricht er von dem Gott, der seinem Volk hilft und auch ihm selbst. Trotz seiner tiefsten Not ruft er: „Dich will ich preisen in der großen Gemeinde“ (Ps.22,26).

Jesus ist sich am Kreuz auch bewusst, dass sein Tod dem Heilsgeschehen Gottes dient, dass er sterben muss, damit wir alle leben. Diese große Hoffnung war wohl auch dem Psalmbeter des Psalms 22 bewusst, wenn er feststellt, dass alle Verstorbenen ihn anbeten müssen (Ps.22,30). Und dass es trotz des Todes eine Zukunft gibt: „Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen… Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk das geboren wird.“ (Psalm 22,31). Und dann endet Psalm 22 mit den Worten „Denn Er hat‘s vollbracht!“.

Klaus-Dieter Kriegeskorte